Nüsslitours

Per Flugzeug ins Spital

Seiner Tonlage an merke ich, das gerade etwas Schlimmes passiert ist. Die Worte höre ich nur ganz dumpf. Hände ziehen mich vom Boden weg – ich fühle mich in einer eigenen Welt. Ich versuche geradeaus zu starren, aber alles dreht sich. Die Farben verdunkeln sich – die Stimme ruft meinen Namen.

Ja vielleicht war es eine dumme Idee diesen versteckten Strand zu suchen. Noch dümmer den steilen Weg hinabzusteigen und das ausgerechnet auf dieser einsamen Insel. Aber da war doch ein Seil? Wir sind also nicht die ersten die das machen. Und da unten soll es ganz viele dieser perlmutfarbenen Muscheln geben, die hier überall in den Touristenshops für viel Geld verkauft werden. 15 Franken für eine Muschel!

Der „Weg“ endet anderthalb Meter oberhalb des Strandes. Wir sehen die Muscheln bereits zwischen den Steinen. Kurzer Check: Die Wurzel scheint stabil zu sein. Langsam lasse ich Nuss an den Strand runter.

Mein Rücken schmerzt. Bei gewissen Drehbewegungen fühlt es sich an, als ob Jemand mit einem dünnen, heissen Messer mit voller Wucht in meinen unteren Rücken sticht. Immerhin kann ich normal wieder aus und einatmen. Meine Füsse? Ja kann ich bewegen. Meine Beine spüre ich noch. Nuss atmet erleichtert auf.

Die Muschel-Sammel-Aktion endet gut: Eine sehr starke Prellung lautet die Prognose. Ich kann das Spital mit zwei Packungen Schmerzmitteln nach wenigen Stunden wieder verlassen.

In dieser Geschichte geht es allerdings nicht um Glück im Unglück, und auch nicht darum Besserungswünsche einzuheimsen, sondern es geht um die Menschen die wir in diesen schwierigen Stunden getroffen haben und die unglaubliche Hilfsbereitschaft eines jeden Einzelnen.

 

„What the xxx?“ – obwohl er mit seinem Messer am Gurt und seinen langen blonden Haaren aussieht wie DER Abenteurer schlechthin, fragt uns der Mann vom Notfalldienst mehrmals wie es uns überhaupt in den Sinn kam DIESEN Weg hinunterzusteigen. Zurück geht nicht mehr. Wir müssen per Wassertaxi an Land. Zum Glück leben auf dieser verlassenen Insel nur ein paar dutzend Leute. Man kennt sich.

Unser Abenteurer ist eigentlich Café-Besitzer und hütet das Ambulanz-Telefon auf freiwilliger Basis. Gibt es einen Zwischenfall, muss er sein Restaurant auf Stewart Island für diese Zeit schliessen.

Auch die Krankenschwester passt mit seinem schwarzen T-Shirt, dem Bart und in Jeans gekleidet eher auf die Route66 als ins Arztzimmer. Er benimmt sich auch so: Flucht mehrmals über den Papierkram den in den letzten 20 Jahren seit er diesem Beruf nachgeht immer mehr zugenommen habe. Ich liege auf einer Matte, eingepackt in silberner Folie die mir warm gebe sollte. Wir warten auf einen Flieger, der mich von der Insel weg, direkt ins Spital bringt.

Wir haben bei der Hinfahrt auf Stewart Island schon kurz überlegt ob wir statt mit dem Schiff, mit dem Wasserflugzeug fliegen wollen. Tausend Franken fanden wir dann ein doch etwas übertriebener Preis.

Ohne zu zögern klingelt Ann vom Ambulanzteam noch während der Hinfahrt ihrem Arbeitskollegen Ben durch. Ein kurzer Wortwechsel und schon ist alles organisiert. Ben fährt uns nach seiner Schicht zurück an den Hafen, wo ja immer noch unser Auto steht. Da nimmt also ein wildfremder Mann nach einem harten Arbeitstag mit einem lächeln ein Umweg auf sich, nur um zwei Touristen in der Gegend herumzuchauffieren? Nur um dann vor verschlossener Tür festzustellen, dass der Parkplatz schon vor einer halben Stunde abgesperrt wurde…

Scherzend telefoniert Ben mit der zuständigen Parkplatz-Person (man kennt sich). Der arme Mann ist soeben zu Hause im verdienten Feierabend angekommen. Eine halbe Stunde steigt er lachend und gut gelaunt (!) aus dem Auto und sperrt das Gitter auf. Hastig packen wir unsere Sachen und kratzen das Geld für die zwei Park-Tage zusammen, plus ein grosszügiges Trinkgeld für zwei Menschen, die uns unglaubliche geholfen haben, obwohl sie uns gar nicht kennen. Doch sie lehnen ab – „Wir hätten schon genug Stress gehabt heute“.

 

Ich fass zusammen: Ein Wassertaxifahrer bringt uns gratis an Land. Ein Café-Besitzer schliesst genau während der Rushhour sein Laden. Ein Ambulanzteam chartert extra einen Flieger. Ein Spitalangestellter fährt nach seiner Schicht einen Umweg und ein Parkplatzangestellter macht Überstunden – und schenkt uns danach sogar noch 30 Franken Parkgebühren. Da in Neuseeland alle Reisende bei einem Unfall vom Staat versichert sind, war für uns das teuerste an der ganzen Geschichte, der Anruf in die Schweiz, um die Versicherung zu informieren…

Liebes Neuseeland, von so viel Hilfsbereitschaft schneiden wir uns gerne eine Scheibe ab!